So war es bei uns: Mit Unterstützung in die Ausbildung starten

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Wie gelingt der Übergang in eine Ausbildung trotz Unterstützungsbedarf? 2 Mütter erzählen von Misserfolgen, Hilfen und Durchhaltevermögen. Aline Sommer-Noack berichtet zunächst von ihrem Sohn Finn. Anschließend erzählt Monika Nemitz vom Ausbildungsweg ihrer Töchter Laura und Sarah.

Schulwechsel trotz Hochbegabung

Als Finn eingeschult wurde, stand er um halb 5 morgens an der Tür und wollte endlich los. Wenige Wochen später wollte er nicht mehr in die Schule. Seine Mutter Aline Sommer-Noack, Vorstandsmitglied im Bundeselternrat, erzählt, wie ihr Sohn jahrelang durch das Raster fiel und welches Angebot Finn schließlich half.

Aline Sommer-Noack

„Schule und Praxis verbinden. Gerade für Jugendliche, die Reize anders verarbeiten, ist das aus meiner Sicht sehr hilfreich, weil es kein harter Sprung von der Schule direkt ins Arbeitsleben ist.“

Wie beschreiben Sie Ihren Sohn?

Finn ist hochbegabt und hat ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Er hat sich schon als kleines Kind vieles selbst beigebracht, etwa Lesen oder Tschechisch, denn damals lebten wir in Tschechien. Gleichzeitig funktioniert er aber nicht so, wie es in der Schule oft erwartet wird. Er hinterfragt viel, hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und braucht Sinn hinter Aufgaben.

Wann wurde Ihnen klar, dass Schule für ihn nicht so läuft wie für andere Kinder?

In den ersten Wochen war Finn noch begeistert. Dann kam plötzlich der Punkt, an dem er morgens nicht mehr aufstehen wollte. Er sagte: „Das, was ich da lerne, kann ich zu Hause auch machen.“

Die Schule hatte sogar Hochbegabtenförderung als Schwerpunkt. Trotzdem wurde schnell klar, dass das System nicht mit ihm umgehen konnte. Er hat sehr früh angefangen, sich zu verweigern, weil er sich nicht gesehen gefühlt hat.

Wie entwickelte sich der weitere Schulweg?

Bis zur 10. Klasse hatte Finn 6 Schulwechsel. Immer wieder hatten wir die Hoffnung, dass es an der nächsten Schule besser klappt. Aber uns begegneten überall dieselben Probleme. Viele Lehrkräfte sagten: „Du könntest viel mehr, wenn du nur wolltest.“ Doch das Umfeld hat nie dazu beigetragen, dass es für Finn funktioniert.

Wie ging es nach der Schule weiter?

Finn kam zunächst in die AVdual (Ausbildungsvorbereitung dual) in Baden-Württemberg. Das ist ein Angebot für Jugendliche, die noch keinen Ausbildungsplatz haben oder ihren Schulabschluss verbessern möchten. Dort konnte er Schule und Praxis verbinden. Er hatte jede Woche einen festen Praktikumstag in einem Betrieb für Zahntechnik.

Wichtig:Hinweis: Die AVdual ist ein Angebot, das nicht in allen Bundesländern zur Verfügung steht. Vergleichbare Unterstützung erhalten Eltern und Jugendliche deutschlandweit etwa bei einer Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) oder einer Einstiegsqualifizierung (EQ).

Wie lief die Ausbildung?

Die 1. Ausbildung scheiterte, weil der Betrieb keinen Ausbilder mehr hatte. Auch der 2. Versuch mit einer Ausbildung zum Zahntechniker wurde nichts. Aber es gab einen Plan B: Während der AVdual hatte Finn Einblicke in die Glastechnik erhalten. Als er sich um eine Ausbildungsstelle als Glasapparatebauer bewarb, bekam er die Stelle. Dort funktioniert es: Er hat einen jungen Ausbilder, mit dem er offen über alles sprechen kann. Die häufigen Wechsel der Ausbildung haben ihn letzten Endes dorthin geführt, wo er Vertrauen aufbauen, in der Ausbildung ankommen und wieder an sich glauben kann.

Welche Rolle spielte die Berufsberatung der Agentur für Arbeit?

Ich kann anderen Eltern nur raten, auch mit der Berufsberatung der Agentur für Arbeit zu sprechen. Bei uns hat das wirklich geholfen. Dort hat sich jemand Zeit genommen, gezielt nachgefragt, was Finn eigentlich braucht, statt gleich zu urteilen. Dieser neutrale Blick von außen hat uns in einer schwierigen Phase wirklich weitergeholfen.

Was möchten Sie anderen Eltern mitgeben?

Holt euch Unterstützung. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nicht jedes Thema allein bewältigen kann, das ist auch gar nicht möglich. Jedes Kind tickt anders und braucht etwas anderes. Ich musste auch akzeptieren, dass ich nicht alles wissen und können muss. Und manchmal verliert man die Fassung, das ist okay, solange man weiß, wie man sie wiederfindet.

Ausbildung mit Hörbeeinträchtigung

Laura und Sarah Nemitz wachsen mit einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) auf. Das heißt, Gehörtes wird langsamer oder anders verarbeitet. Sarah macht eine Ausbildung als Hotelfachfrau. Laura hat ihre Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik bereits beendet und arbeitet in ihrem Ausbildungsbetrieb.

Ihre Mutter Monika Nemitz erzählt, wie die 2 jungen Frauen ihren Ausbildungsweg fanden.

Monika Nemitz

„Mit Unterstützung von Eltern, Betrieb oder Beratungsstellen ist viel mehr möglich, als man am Anfang denkt.“ 

Wie zeigte sich die Hörbeeinträchtigung?

Bei Laura fiel es früh auf, weil sie mit 3 Jahren noch kaum sprach. Sarah vertauschte im Kindergarten häufig Buchstaben in Wörtern. Beide besuchten später das Hör-Sprachzentrum Paulinenpflege Winnenden e. V. mit kleinen Klassen. Dort waren nur 10 bis 12 Kinder in der Klasse. Später in der Berufsschule saßen plötzlich 30 junge Leute im Raum – das war erst einmal ein Schock.

Welche Hilfsmittel und Unterstützungsangebote gab es?

Entscheidend war die Begleitung durch einen Betreuer des Hör-Sprachzentrums. Er hat sie schon während ihrer Schulzeit unterstützt. Später sprach er mit den Ausbildungsbetrieben und besuchte Laura und Sarah regelmäßig in ihrer Ausbildung. Dazu kamen konkrete Hilfsmittel:

  • Mikrofon und Lautsprecher für Lehrende in der Berufsschule
  • mehr Zeit bei Prüfungen
  • für Sarah ein eigener Prüfungsraum und ein Mikrofon-System an ihrem Arbeitsplatz

Spannend war, dass Mikrofon und Lautsprecher nicht nur Sarah halfen. Auch die anderen Berufsschülerinnen und -schüler verstanden damit den Unterricht besser.

Wie reagierten die Betriebe?

Sowohl Lauras Betrieb für Metalltechnik als auch Sarahs Hotel reagierten sehr offen. Ihre Betreuer erklärten die Einschränkungen und Hilfsmittel, die dann selbstverständlich integriert wurden. In Lauras Metallbetrieb gehören Gehörschutz und klare Absprachen zum Alltag. Sarah lernte es zu erklären, wie Kolleginnen und Kollegen im Hotel mit ihrem Mikrofon-System umgehen sollten.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Töchter angekommen sind?

Als die Noten besser wurden, aber vor allem an ihrer Haltung. Sie wurden gelassener, ruhiger und hatten keine Angst mehr vor der Schule oder dem Betrieb. Ich habe gemerkt, dass sie sich gut aufgehoben fühlen.

Was möchten Sie anderen Eltern mitgeben?

Man braucht keine Angst zu haben. Auch mit einer Behinderung kann ein Kind eine reguläre Ausbildung machen. Mit Unterstützung von Eltern, Betrieb oder Beratungsstellen ist viel mehr möglich, als man am Anfang denkt.

Tipp:Tipp: Auch die Berufsberatung der Agentur für Arbeit unterstützt Jugendliche mit Behinderung oder Beeinträchtigung bei der Berufswahl und dem Übergang in die Ausbildung, zum Beispiel über die Beratung für Berufliche Rehabilitation und Teilhabe.

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